Kapitalismus vs. Sozialismus: Eine neue Debatte

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This article by Richard Wolff was originally published in English. Dieser Artikel von Richard Wolff wurde ursprünglich in Englisch veröffentlicht.

Wieder einmal gefährden die Widersprüche, Fehler und Schwächen des Kapitalismus‘ seine eigene Existenz.

Zwei große globale Krisen, die erste in den 1930ern und die zweite aktuelle, seit 2008, sowie alle paar Jahre wiederkehrende Rezessionen unterstreichen die Instabilität, die das System heimsucht. Gleichzeitig führt die sich vergrößernde Ungleichheit dazu, dass immer mehr Menschen zu Kapitalismus-Kritikern werden. Debatten über Reform und Revolution sind Teil der politischen Tagesordnung geworden. Die Debatte Kapitalismus gegen Sozialismus ist zurück, überall. Nichtsdestoweniger, ist es eine neue Debatte, stark beeinflusst von den Lektionen, die aus der Sowjetunion und anderen vergleichbaren Erfahrungen und Experimenten gelernt worden sind. Die aktuelle Debatte präsentiert aber drei anstelle von zwei wichtigen Alternativsystemen: Privatkapitalismus, Staatskapitalismus und Sozialismus. Und das ändert alles.

Während des späten 19. und 20. Jahrhunderts sahen wir uns regelmäßig in der Weise im Kampf Kapitalismus gegen Sozialismus gefangen, wie die beiden Wirtschaftssysteme sich dahingehend unterschieden, in welcher Beziehung das Individuum zum Staate stand. Private gegen öffentliche Betriebe; freie Marktwirtschaft gegen Planwirtschaft: Dies waren – vor allem in den Wirtschaftswissenschaften – die epochalen gegensätzlichen Positionen Individuum und Staat, welche zu Kapitalismus und Sozialismus wurden. Heute wissen wir aber, dass wir die Debatte privat gegen öffentlich nicht mit einer echten Diskussion über Kapitalismus und Sozialismus vergleichen können. Wie wir gelernt haben, kann der Kapitalismus privat oder staatlich organisiert sein; Sozialismus aber unterscheidet sich von beiden Formen. Kapitalismus, wie wir unten weiter ausführen werden, ist ein Produktionssystem, welches auf der Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer als unterschiedliche Personen oder Gruppen beruht, unabhängig davon, ob es sich dabei um einen öffentlichen oder privaten Arbeitgeber handelt. Im Gegensatz dazu ist der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer im Sozialismus ein und dieselbe Person.

Betrachtet man Wirtschaftssysteme, die in der Vergangenheit neben einem Staatsapparat existierten, so stellt man fest, dass sie sowohl private als auch öffentliche Unternehmen aufwiesen. In vielen Beispielen der Sklavenhaltergesellschaften finden wir private neben öffentlichen Sklavenhaltern. Das bedeutet: Private Bürger oder Gruppen, aber eben auch lokale, regionale oder staatliche Instanzen und Behörden besaßen Sklaven. Auch im Feudalismus finden wir zahllose Beispiele, wo Privatpersonen als Herren über Knechte sowie Könige oder andere staatliche Instanzen über Knechte verfügten.

Gesellschaften, in denen Sklaverei herrschte, entwickelten oft Kämpfe zwischen den privaten und staatlichen Sklavenhaltern. Wo der Feudalismus herrschte, gab es vergleichbare Kämpfe zwischen privaten und staatlichen feudalistischen Betrieben. Solche Kämpfe führten manchmal zu einem großen Antagonismus zwischen dem Privaten und Öffentlichen, dem Individuum und dem Staat, dem Bürger und der Regierung, etc. Aber diese Kämpfe und Dualismen kamen meistens in einem gemeinsamen Klassensystem auf: Sklavenhaltergesellschaft oder Feudalismus.

Der Kapitalismus hat eine ähnliche Geschichte. Private Unternehmen (im Besitz und betrieben von Privatpersonen und Gruppen, die keinerlei Position im Staatsapparat bekleiden) haben oft neben öffentlichen und staatlichen Betrieben existiert. Letztere gehörten dem Staat und wurden von Staatsbediensteten geführt. Sowohl in privaten als auch in öffentlichen kapitalistischen Unternehmen, war die gemeinsame Basis das Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis. Das traf sowohl auf das gemeinsame Verhältnis Sklavenhalter-Sklave in privaten und öffentlichen Sklavenhalterbetrieben als auch auf das Verhältnis Herr-Knecht in privaten und öffentlichen feudalen Betrieben zu.

In der Sklavenhaltergesellschaft, im Feudalismus und im Kapitalismus konnte das Verhältnis zwischen privaten und staatlichen Betrieben variieren. Staatsbetriebe waren manchmal nur ein kleiner Teil einer regionalen Wirtschaft oder Volkswirtschaft. Manchmal existierten sie überhaupt nicht oder waren, als anderes Extrem, der größte oder sogar der einzige Betrieb. Je nachdem welche Form vorherrschend war, konnten Volkswirtschaften als private oder staatliche Sklavenhaltergesellschaften, privater oder staatlicher Feudalismus, oder privater oder staatlicher Kapitalismus bezeichnet werden.

Was diese Parallelen über die letzten anderthalb Jahrhunderte verbarg, war die Verwirrung über den privaten und staatlichen Kapitalismus einerseits, und Kapitalismus und Sozialismus andererseits. Die meisten Leute beschrieben den dominanten Antagonismus als Kapitalismus gegen Sozialismus, wobei ihre Definition von Sozialismus aber der des Staatskapitalismus‘ glich. Sie betrachteten den Kapitalismus als eine Wirtschaftsform, die aus privaten kapitalistischen Unternehmen (oder „freien“ Unternehmen) bestehe, und die Planwirtschaft als die Organisation der Verteilung von Rohstoffen und Produkten. So brachten sie den Sozialismus mit dem Staatskapitalismus in Verbindung.

Diese Verwechslung von Begriffen und Deutungen kam wahrscheinlich dadurch, da sich die Sozialisten des 19. und 20. Jahrhunderts auf die strategische Übernahme des Staates konzentrierten (entweder durch Revolution oder Politik in den Parlamenten). Sie sahen im Staat das Instrument, um vom Kapitalismus zum Sozialismus zu gelangen. Staatskapitalismus sollte als eine Art Zwischenstation dienen, wo staatskapitalistische Betriebe und Planwirtschaft über privatkapitalistische Unternehmen und Märkte herrschten (die Kontrolle übernahmen). Solch eine Wirtschaft sollte dann weiter zum Sozialismus umgewandelt werden, vermutlich von den Sozialisten, die die Staatsgewalt übernommen hatten. Die Sozialisten waren aber oft sehr vage in Bezug auf das letzte Ziel des Sozialismus‘, vor allem wenn man ihre sehr klare politische Strategie, die Staatsgewalt für sich zu gewinnen und einen Staatskapitalismus aufzubauen, damit vergleicht.

Die meisten Sozialisten hörten mit der Zeit auf, den Staat als notwendiges Mittel (und Staatskapitalismus als Zwischenstation) zu einer weiteren Entwicklung zu sehen. Stattdessen wurde der Staatskapitalismus selbst – der von einem Staatsapparat gesteuert und von Leuten kontrolliert wurde, die man Sozialisten nannte – mehr und mehr als die Transformation von Kapitalismus zu Sozialismus angesehen. So definierte man nun die Umwandlung von privaten zu staatskapitalistischen Betrieben und die Unterordnung von Märkten unter die Planwirtschaft als Errungenschaften des „Sozialismus‘“. Zwei aufeinanderfolgende Übergänge – der erste vom privaten zum Staatskapitalismus und der zweite vom Staatskapitalismus zum Sozialismus – wurden einzig und allein zu einem, dem ersten Übergang, zusammengefasst.

Der sogenannte große Konflikt des letzten Jahrhunderts zwischen Kapitalismus und Sozialismus war damit tatsächlich ein Kampf zwischen privatem und Staatskapitalismus. Die USA bevorzugten die meiste Zeit den privaten Kapitalismus. Hier fand man hauptsächlich private Unternehmen mit einer beachtlichen Anzahl von staatskapitalistischen Betrieben. Es zeigte sich ebenso ein größtenteils marktorientiertes Verteilungssystem mit etlichen Beispielen von planwirtschaftlicher Verteilung. Derweil war die UdSSR größtenteils staatskapitalistisch organisiert. Hier fand man hauptsächlich staatskapitalistische Betriebe und zentrale planwirtschaftliche Verteilung mit etlichen Fällen von privatkapitalistischen Betrieben und marktwirtschaftlicher Verteilung. Jedoch bezeichnen sowohl ihre Vertreter als auch ihre Kritiker die Sowjetunion als „sozialistisch“.

Historisch betrachtet, brachte die Revolution von 1917 den Übergang vom privaten russischen Kapitalismus zum sowjetischen Staatskapitalismus, wohingegen der Zusammenbruch 1989 eine entgegengesetzte Entwicklung einleitete. In guter dialektischer Tradition können wir durch das Hin und Her zwischen privatem und Staatskapitalismus erkennen, dass der Sozialismus fernab von beiden liegt.

Die sozialistische Alternative zu beiden, privater und staatlicher Form des Kapitalismus‘, ist das Ende, die Abschaffung des Kapitalismus‘ als die spezifische Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Organisation der Produktion. Das Ersetzen von privaten Betrieben durch Staatsbetriebe und von Märkten durch Planwirtschaft sind Änderungen, die in der Regel die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Organisation der Produktion, das entscheidende Merkmal des Kapitalismus‘ aufrechterhalten. Das Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis unterscheidet den Kapitalismus, sowohl private als auch staatliche Formen, vom Sozialismus, in welchem der Dualismus von Sklavenhalter und Sklave, Herr und Knecht sowie Arbeitgeber und Arbeitnehmer voll und ganz aufgelöst wird. Im Sozialismus sind – wenn wir zu seinem ursprünglichen Konzept als echte Alternative zum Kapitalismus zurückkehren – die Arbeiter und Angestellten selbst ihre eigenen kollektiven Arbeitgeber.

Arbeiter-Genossenschaften – welche eher selbstständig geführte Arbeiter-Betriebe genannt werden sollten – sind der Kern oder die Definition von sozialistisch organisierter Produktion, die eine Alternative zum kapitalistischen System darstellt. In selbstständig geführten Arbeiter-Betrieben gibt es keinen Gegensatz, der die Teilnehmer gegeneinander ausspielt. Keine Minderheit (Sklavenhalter, Herren oder Arbeitergeber) bestimmen über die Mehrheit (Sklaven, Knechte oder Angestellte). Unternehmen bilden eine Gemeinschaft von Individuen, die ihre eigene Arbeit demokratisch organisiert. Der Produktionsprozess selbst ist damit vergesellschaftet. Die Vergesellschaftung bedeutet nicht mehr bloß Eigentum über die Produktionsmittel sowie die Verteilung von Ressourcen und Produkten wie im klassischen „Sozialismus“. Selbstständig geführte Arbeiter-Betriebe demokratisieren das Unternehmen und bilden damit eher die Basis für eine Demokratisierung der Wirtschaft und Gesellschaft, als der Kapitalismus (privat oder staatlich) es jemals erreichen konnte.

Karl Marx‘ analytische Betrachtung der Ausbeuterei, bei der die Überschüsse, erwirtschaftet von den Produzenten (Sklaven, Knechten und Proletariern), von den Ausbeutern (Sklavenhaltern, Herren und Kapitalisten) abgeschöpft werden – verweist auf einen Sozialismus, der alle Formen der Ausbeutung verneint. Im Gegensatz dazu ändern staatskapitalistische Betriebe nur, wer die Ausbeuter sind und unter welchen Bedingungen die Ausbeuterei stattfindet. Staatlicher und privater Kapitalismus konnten und können sehr unterschiedlich in ihrer gesellschaftlichen und politischen Ausprägung sein. Die Kämpfe zwischen beiden haben die Geschichte nachhaltig geprägt. Aber sie haben nicht das Ausgebeutetwerden der Arbeiter beendet. Und sie haben keine sozialistische Wirtschaft hervorgebracht, die Ausbeutung verhindert.

Damit der Kampf zwischen privatem Kapitalismus und Staatskapitalismus ein Mittel oder ein Schritt im Übergang zum Sozialismus wird, müssen dessen Grenzen erkannt werden. Der aufkommende Sozialismus im 21. Jahrhundert, der auf einem System fernab des Staatskapitalismus‘ beruht, repräsentiert sowohl eine Rückkehr zu Marx‘ grundlegenden Erkenntnissen als auch ein Erkennen der Erfolge und Fehlschläge des Sozialismus‘ im 20. Jahrhundert. Dieser wird ein stärkerer und eine Weiterentwicklung des Sozialismus‘ sein, der einem Kapitalismus entgegensteht, dessen innere Widersprüche, Fehler und Schwächen nun mehr als je zuvor von vielen Menschen wahrgenommen werden.


Übersetzt von Kai Freyberg, d@w Translation Team.

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